Ein bischen weniger Pleite

von TAZ.de

So betitelte die TAZ gestern auf ihrer Internetseite einen Artikel zu den neuesten Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Wie sich schon erahnen lässt, geht es um die Staatsverschuldung der Eurostaaten und eins sei gesagt: das Grauen nimmt seinen Lauf. Mit Ausnahme von Deutschland und Estland konnte kein einziges Land seine Verschuldungsquote (Verschuldung in % des BIP) reduzieren. Ein Blick auf die wichtigsten Staaten verrät dabei relativ schnell, wo wir wirklich stehen und lässt die Bericherstattung – sofern zum Thema „Eurokrise“ überhaupt noch etwas zu hören oder lesen ist – als Karrikatur der Wirklichkeit erscheinen.

Wie oft wurde in den letzten Monaten und Jahren von Politikern versichert, dass das Schlimmste nun überstanden sei und sich die Staatsfinanzen der großen Euroländer auf einem guten Weg befinden. Geglaubt haben diesen Aussagen nur sehr naive Zeitgenossen und das zu Recht. Der einzige Grund, warum es aktuell ziemlich ruhig um die Staatsschuldenkrise geworden ist, sind die großen Notenbanken. Die FED druckt so viel Geld, dass zwangsläufig auch Staatsanleihen der PIIGS-Staaten in Massen gekauft werden. Die EZB steht zur Sicherheit ja auch noch bereit, denn sollten die Zinsen für diese Anleihen deutlich ansteigen, wird die Europäische Zentralbank wieder unterstützend eingreifen, wie es im Herbst 2011 bereits passiert ist.

Zwar lässt sich das mediale Sommerloch durch die Geburt des neuen Prinzen in London etwas schließen, dass man allerdings schon mühsam nach Berichten über die neuen Verschuldungszahlen suchen musste, hat mich erstaunt. Es scheint momentan nicht gewünscht, daran zu erinnern, dass wir weiterhin auf äußerst dünnem Eis stehen. Diese Einstellung ist natürlich sehr gefährlich, denn abseits des kollektiven Bewusstseins steigen die Verschuldungsquoten unaufhalsam weiter an. Somit wird letztlich ein radikaler Ausweg aus der Krise immer wahrscheinlicher, da die Abhängigkeit der PIIGS von der EZB immer weiter ansteigt. Wenn der point of no return nicht bereits überschritten ist, dann wird es nicht mehr lange dauern bis die EZB die südlichen Eurostaaten auf Biegen und Brechen wird direkt finanzieren müssen.

Nachfolgend sind Charts mit der quartalsweisen Verschuldungsquote für Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Irland, Portugal, die 17 Eurostaaten und eine Chart mit all diesen Daten zu finden. Noch ein kurzer Hinweis: bei jedem Land (außer Deutschland) ist die absolute Verschuldung (in €) gestiegen – sowohl im Vergleich zum Vorquartal (Q4 2012) als auch zum Vergleichsquartal des Vorjahres (Q1 2012). Die Verschuldungsquote kann immer durch die Verschuldung und das BIP beeinflusst werden, daher wollte ich das noch erwähnen. Besonders Griechenland ist einen Blick wert…

Eurozone BIP q - 24.07.2013

Eurozone (17 Länder)

Frankreich BIP q - 24.07.2013

Frankreich

Portugal BIP q - 24.07.2013

Portugal

Griechenland BIP q - 24.07.2013

Griechenland

Deutschland BIP q - 24.07.2013

Deutschland

Italien BIP q - 24.07.2013

Italien

Irland BIP q - 24.07.2013

Irland

Spanien BIP q - 24.07.2013

Spanien

alle Staaten BIP q - 24.07.2013

Unterm Strich gibt es fast nichts positives aus diesen Charts abzulesen, außer dass Deutschland seine Verschuldungsquote reduzieren konnte, was vor allem auf die extrem niedrigen Zinsen und eine relativ gute Konjunktur zurückzuführen ist. Die Problematik der exponentiellen Entwicklung von Schulden – siehe Zinseszinseffekt – wird bei den meisten Ländern auf einen Blick klar. In diesem Zusammenhang muss man sich immer vor Augen halten, dass ein tatsächlicher Erfolg erst dann erreicht wird, wenn die Verschuldungsquote sinkt, ohne dass die dazu führenden Maßnahmen der Wirtschaft langfristig schaden. Geringere Neuverschuldungen, welche der Allgemeinheit gerne als Erfolg verkauft werden, sind es defacto nicht. Solange die Schulden weiter steigen, wird sich auch das Schuldenrad immer schneller drehen, auch wenn die zusätzliche Beschleunigung durch geringere Neuverschuldung natürlich abnimmt.

Die Charts sprechen insgesamt für sich, nur auf Griechenland und Spanien möchte ich etwas genauer eingehen.

Im ersten Quartal 2012 ist die Verschuldungsquote von Griechenland plötzlich stark eingebrochen – Grund hierfür ist der Schuldenschnitt, welcher die Schuldenlast auf einen Schlag um knapp 34 Prozentpunkte reduziert hat. Damit ist natürlich auch die Zinsbelastung erheblich gesunken, was – theoretisch – positive Nachwirkungen haben müsste. Wenn man sich jedoch den Verlauf seit dem Schuldenschnitt bis heute anguckt, muss man sich zwangsläufig fragen, wie die Entwicklung wohl ohne den teilweisen Schuldenerlass und die damit deutlich reduzierten Zinsaufwendungen verlaufen wäre… Man möchte es wohl gar nicht wirklich wissen.

Klar ist nur eins: der nächste Schuldenschnitt wird definitiv in absehbarer Zukunft kommen, denn schon jetzt sind es nur noch 10 Prozent bis zum Allzeithoch bei 170%. Über das offizielle Ziel, die Verschuldungsquote Griechenlands bis 2020 auf 120% zu reduzieren, könnte man andernfalls nur lachen. Als gute Nachricht wird im Zusammenhang mit den neuen Daten auch die Tatsache verkauft, dass sich das Primärdefizit (Haushalt ohne Berücksichtigung der Zinsaufwendungen) auf 1,5 Mrd. Euro reduziert habe – von 3,3 Mrd. im ersten Quartal 2012. Hält man sich die enorme Zinsbelastung vor Augen, dann lässt sich diese Nachricht richtig einordnen…

Spanien wird in den nächsten Jahren noch für viel „Spaß“ sorgen. Der Arbeitsmarkt ist nichts anderes als ein einziges Desaster, die Wirtschaft läuft nicht rund, die Banken haben massive Probleme und werden nur durch Hilfszahlungen des Staates und des ESM über Wasser gehalten und die Staatsverschuldung Spaniens galoppiert nach oben wie kaum eine andere. Im ersten Quartal 2009, also vor etwa vier Jahren, lag die Verschuldungsquote noch bei soliden 43,5 Prozent. Im ersten Quartal 2013 sind sie mit 88,2 Prozent bereits mehr als doppelt so hoch. Die Stichworte sind auch hier Zinseszinseffekt und exponentielles Wachstum. Hinzu kommen die aufgezählten, miserablen Rahmenbedingungen.

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass wir uns im Moment im Auge des Sturms befinden. Einige Turbulenzen sind bereits überstanden, jetzt ist es ruhig – doch schon bald wird die Krise mit voller Wucht zurück ins breite Bewusstsein stürmen (für alle Windexperten: ja, mir ist klar dass der Vergleich mit dem Auge des Sturms etwas hinkt, weil es nach meist nicht schlimmer als vorher wird…). Griechenland wird noch mindestens einen Schuldenschnitt brauchen, welcher wesentlich größer ausfallen muss als der erste. Sollte Spanien seine diversen Probleme nicht schnellstens in den Griff bekommen – und danach sieht es aktuell wahrlich nicht aus – dann wird es hier bald einen neuen, noch größeren Brandherd geben als in Griechenland bereits vorhanden.